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Für Matthias von Stegmann ist Richard Wagners Oper Tristan und Isolde eins der sinnlichsten Werke überhaupt. In Minden, so verspricht er, wird er das Musikdrama als »sinnliches, emotionales Erlebnis« auf die Bühne bringen. »Der Zuschauer soll mit den Figuren, die ja sehr plausibel in ihren Gefühlen sind, mitlieben und mitleiden, er soll sich mitfreuen und mitträumen«, sagt er und fügt hinzu: »Sinnlichkeit kann man nicht aus der Distanz herstellen. Das Intellektualisieren gewisser Inhalte halte ich daher nicht immer für gesund.« 14 Jahre lang, von 1991 bis 2005, war Matthias von Stegmann Regieassistent und Spielleiter bei den Bayreuther Festspielen. Mit Tristan und Isolde inszeniert er im Stadttheater Minden die vierte Opernproduktion des Richard Wagner Verbandes Minden und der Nordwestdeutschen Philharmonie. Auf die Premiere am 8. September folgen sechs weitere Aufführungen, darunter eine Schulaufführung.

Zu seinem 90-jährigen Bestehen hatte der Mindener Richard Wagner Verband den heimischen Musikfreunden 2002 mit dem Fliegenden Holländer sein erstes Opernprojekt geschenkt; es folgten Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg im Jahr 2005 und Lohengrin im Jahr 2009. »Entscheidend für unseren Entschluss, zu unserem 100-jährigen Bestehen zum vierten Mal ein solches Projekt zu wagen, war nicht nur die überwältigende Resonanz auf die drei vorangegangenen Produktionen. Es war die Begeisterung quer durch alle Schichten und Generationen, es war der Wille, in einem kleinen Theater ohne eigenes Ensemble große Oper auf höchstem Niveau auf die Beine zu stellen. Und es war der Glaube an die Möglichkeit, trotz knapper Kassen durch bürgerschaftliches Engagement hohe Kunst für viele Menschen zu ermöglichen«, betont die Vorsitzende des Verbandes, Dr. Jutta Hering-Winckler.

Matthias von Stegmann, Jahrgang 1968, ist seit seiner Kindheit mit dem musikalischen Schaffen Wagners vertraut. Seine Mutter sang im Bayreuther Opernchor. Er selbst begann seine Karriere bereits im zarten Alter von zehn Jahren: Als Synchronsprecher war er unter anderem in Fernsehserien wie Unsere kleine Farm zu hören. Mit 20 arbeitete er erstmals als Synchronregisseur, schrieb Drehbücher und führte Synchronregie bei vielen Filmen, darunter Die Abenteuer des jungen Indiana Jones und die Kult-Comic-Serie Die Simpsons. Darüber hinaus hat er die  deutschen Fassungen von zahlreichen Kinofilmen wie The Sixth Sense (mit Bruce Willis) und 15 Minuten Ruhm (mit Robert de Niro) erstellt. Als Opernregisseur, der mit Lohengrin am New National Theatre Tokyo in diesem Jahr ein weiteres Bühnenwerk Wagners inszeniert, sind ihm Werktreue und Authentizität besonders wichtig. »Die Arbeit eines Regisseurs ist dann besonderwenn man ihn nicht mehr wahrnimmt«, betont der Sohn einer Japanerin und eines Deutschen. Sein Augenmerk richtet er auf die innere Befindlichkeit der Figuren, und dabei kommt ihm die kleine Bühne des Mindener Theaters sehr entgegen: »Das Publikum ist den Sängern räumlich sehr nah. Da ist es umso wichtiger, dass die Emotionen auf der Bühne glaubwürdig sind.«

Ein stilisierter Schiffsbug steht im Mittelpunkt des von Frank Philipp Schlößmann entworfenen Bühnenbildes. »Die Reise ist das vorrangige Motiv in Wagners Oper – sei es im konkreten Sinne im 1. Akt oder als metaphysische Reise, wenn sich im 2. Akt in der Liebesnacht das Verständnis von Raum und Zeit auflöst«, erklärt Schlößmann, der unter anderem den von Tankred Dorst bei den Bayreuther Festspielen inszenierten »Ring« ausstattete. Ritterrüstungen, so verrät er, wird man auf der Bühne nicht erleben: »Die Kostüme werden einfach sein und sich am Stil der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert orientieren.«

Wie bei den vorangegangenen drei Mindener Opernproduktionen dirigiert Frank Beermann die Nordwestdeutsche Philharmonie auch bei Tristan und Isolde. »Ein von hinten beleuchteter Lichtkasten wird eine Tiefe erzeugen, die das Orchester zum Teil des Ganzen macht«, sagt Schlößmann. Gesangssolisten sind Andreas Schager (Tristan), Dara Hobbs (Isolde), James Moellenhoff (König Marke), Roman Trekel (Kurwenal), Thomas de Vries (Melot), Ruth Maria Nicolay (Brangäne), André Riemer (Stimme eines jungen Seemanns/Ein Hirt) und Sebastian Eger (Ein Steuermann). Der von Thomas Wirtz einstudierte Chor besteht aus 50 Sängern aus Minden und Umgebung. Erneut werden auch Schülerinnen und Schüler des Mindener Ratsgymnasiums in die Inszenierung miteinbezogen und auf der Bühne als Statisten präsent sein. »Für mich ist dies kein künstlerischer Kompromiss. Ich begrüße es vielmehr sehr, dass junge Leute auf diese Weise an das Werk Wagners herangeführt werden«, betont Regisseur Matthias von Stegmann. Denn wie schrieb schon Thomas Mann in Erinnerung an seine jugendliche Wagner-Begeisterung: »Es gab Zeiten, wo ich keine Aufführung des ›Tristan‹ im Münchner Hoftheater versäumte, dieses höchsten und gefährlichsten unter Wagners Werken, das in seiner sinnlich-übersinnlichen Inbrunst, seiner wolllüstigen Schlafsucht recht etwas für junge Leute ist, für das Alter, wo das Erotische dominiert.«