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Notizen zu einer Uraufführung

Eine handfeste und durchaus spektakuläre Uraufführung – eine solche kann die Nordwestdeutsche Philharmonie in ihrer Februar-Konzertserie präsentieren. Überraschend für ein klassisches Sinfoniekonzert der Titel des ans Licht der musikalischen Weltöffentlichkeit gelangenden Werkes: „Berlin Punk“. Höchst ungewöhnlich darüber hinaus die Besetzung: ein Konzert für Saxophon-Quartett und großes Sinfonieorchester wird aus der Taufe gehoben. Ein Clou zudem der Name des Komponisten: Enjott Schneider, erfolgreicher Musikschreiber und Pendler zwischen den musikalischen Welten, hat die nach eigenen Angaben circa 25 Minuten lange Komposition geschaffen. Schneiders Spektrum ist breit: Von der Orgelsinfonie bis zur Filmmusik reicht seine Palette, was ihm von den Kollegen der komponierenden Zunft und auch der Musikkritik bisweilen übel genommen wird. Auch dass „Enjott“ (wie der joviale Name seiner Internetseite heißt) letztlich die Wege tonalen Komponierens niemals ernsthaft verlassen hat, wurde ihm mächtig angekreidet und von den Verfechtern eines Fortschrittsdenkens a la Adorno immer wieder vor die Nase gehalten. Soll heißen: Enjott Schneider schreibt Melodien (am bekanntesten ist wohl seine Filmmusik zu „Schlafes Bruder“), die fesseln und einnehmen, Akkordverbindungen, die Stimmung machen und uns entzücken; und betörende harmonische Rückungen, die auch noch anno 2016 das Publikum verzaubern. Enjott Schneiders steht selbst schon wieder quer zu den vielfältigen Strömungen, in die sich die zeitgenössische Musik inzwischen aufgeteilt hat und wo inzwischen auch wieder Platz für diejenigen ist, die das serielle und strukturelle Denken ablehnen oder ihm zumindest skeptisch gegenüberstehen. Im Ergebnis heißt das: Enjott Schneider schreibt Musik, die hörerfreundlich ist und abseits allen intellektuellen Elfenbeinturmdenkens angesiedelt ist. Diese Musik begeistert, kommt an, ruft Jubelstürme hervor, ist emotional fassbar. Vor allem Letzteres dürfte den Erfolg dieses Komponisten ausmachen. Auch dass der 1950 geborene Schneider Gefühle weckt, an das Innerste im Menschen appelliert und eine Sehnsucht nach dem Wahren und Schönen hervorruft.

Wobei Wahrheit und Schönheit eben keine Widersprüche bilden. Enjott ist ein streitbarer Zeitgenosse, kein Weichspüler, wie man aus manchen seiner melodischen Gedanken vielleicht schließen könnte. Schneider bezieht in Interviews klare Position, ist ein Verteidiger der Kunst, wehrt sich gegen die rein kommerzielle Verwertung von Musik, auch wenn er als Aufsichtsratsvorsitzender der GEMA und Präsident des Deutschen Komponistenverbandes genau jene wirtschaftlichen Interessen von Kollegen und Interpreten zu verteidigen hat. Aber vielleicht liegt die Faszination dieses Komponisten genau darin: dass er nicht mit wenigen Begrifflichkeiten zu fassen ist und kaum in eine genau zu benennende Schublade passt.

Das wird auch die Uraufführung im Rahmen einer Konzertserie der Nordwestdeutschen Philharmonie beweisen. Kein Geringerer als Chefdirigent Yves Abel wird sich der Uraufführung widmen. Und mit dem Clair-obscur Saxophonquartett aus Berlin werden Musiker den Solopart gestalten, die zur Spitzenklasse gehören und ziemlich genau das umsetzen werden, was dem Komponisten im Prinzip vorschwebt. Und das ist nichts weniger als eine Auseinandersetzung mit dem Punk. Wie aber geht diese Musikbewegung mit dem romantischen Sinfonieorchester und vier Saxophonen zusammen? Was hat Punk – jene Bewegung, die immer ein Dagegen-Sein in der bürgerlichen Gesellschaft formuliert und aus eher primitiven musikalischen Bausteinen gezimmert ist – mit dem hochartifiziell erscheinenden Sinfonieorchester zu schaffen?

Das wird Enjott Schneider in seinem fünfsätzigen Konzert für Saxophonquartett und Orchester uns zeigen. Das Saxophon als Instrument, das am ehesten in der Lage ist, jene extremen Töne zu erzeugen, für die auch der Punk berühmt ist: Das ist ein Ansatz der Komposition. Hässlich sein zu dürfen, und doch zugleich lyrische Töne hervorbringend – das Saxophon, jenes erst im neunzehnten Jahrhundert erfundene und dann erst mühsam in der sogenannten E-Musik etablierte Instrument hat auch geschichtlich gesehen besten Voraussetzungen, den „Punk“ sinfonisch zu erzählen. Streng genommen ist das von Adolphe Sax konstruierte Instrument bis heute nicht in der „klassischen Musik“ angenommen. Es wird mehr mit Jazz und Unterhaltungsmusik in Verbindung gebracht. Georges Bizet hat daran nichts ändern können, der es in der Arlesienne-Suite als einer der Ersten einsetzte: mehr als exotisch blieb diese Verwendung nicht.

Jetzt gibt es eine neue Chance für dieses gern als „unschön“ ( man höre sich mal in den Kreisen einschlägiger Klassikliebhaber um) getadelte Instrument. „Berlin Punk“ heißt dieses Werk, weil sich gerade in Berlin eine der weltweit aufregendsten Punk-Szenen weltweit etablierte. Natürlich neben den Zentren London und New York, wo seit jeher häufig musikalisch alternative Trends in der Rockmusik gesetzt wurden. Ab 1977 im Westen, in den Jahren nach 1989 dann auch im Osten. Berlin bot den musikalischen Punkern die beste Inspiration. Hier gab es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs architektonisch nutzlose Flächen, Wut auf das Establishment, den Hang zum Anderssein. Lebensgefühl und Charaktereigenschaften des Punk werden in Schneiders Konzert sinfonisch transformiert dargeboten. Der Konzertsaal wird nicht zur Punk-Arena, sondern es wird zusammengebracht und -gedacht, was schwer vereinbar scheint. Das Ergebnis könnte mitreißend sein. Seien wir neugierig! Lassen wir uns überraschen!

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Enjott Schneider