Ein grandioses Opernwunder
Nordwestdeutsche Philharmonie überzeugte im Mindener "Lohengrin"
In geheimnisvollem Blau erstrahlt der halbtransparente Vorhang, der das Orchester und den Chor von den Sängern trennt. Gekrönte Schwäne und Lilien, das Muster einer für Schloss Neuschwanstein entworfenen Tapete, zieren den Stoff. Das für John Dews Mindener „Lohengrin“-Inszenierung entwickelte Bühnenbild bietet ideale Voraussetzungen, um Richard Wagners dritte große Oper im kleinen Mindener Theater als atmosphärisch dichtes Kammerspiel aufzuführen. Dass man in Minden ein grandioses Opernwunder erleben konnte, liegt vor allem an der musikalischen Intensität der Aufführung, die vom ersten Ton des Vorspiels bis zum abschließenden Wehruf des Chors in den Bann zieht.
Zum dritten Mal ist dem nur rund 350 Mitglieder zählenden Richard Wagner Verband das schier Unmögliche gelungen: aus eigener Kraft Wagner aufzuführen. Nach dem „Fliegenden Holländer“ im Jahr 2002 und „Tannhäuser“ 2005 setzt in chronologischer Reihenfolge „Lohengrin“, im August 1850 von Franz Liszt in Weimar uraufgeführt, diese Tradition fort. Aufs Neue beweist die Nordwestdeutsche Philharmonie unter der Leitung von Frank Beermann ihre Qualität als Opernorchester. Die Musikrezensentin Eleonore Büning schreibt dazu am 20. September in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: „Suchterregend schon das gralsleuchtende Vorspiel mit dem schwebend-ansatzlosen Superlegato, hochprofessionell die Streicher und Bläser der Nordwestdeutschen Philharmonie, sie halten jedem überregionalen Vergleich locker stand. Der Dirigent Frank Beermann, sonst GMD in Chemnitz, kann wunderbare dynamische Steigerungen aufbauen, mit Holzbläsermischungen Effekte zaubern, das Blech aufblühen lassen. Schließt man die Augen, findet das ganze verflixte, alte Unterbewusstseins-Märchen nur im Orchester statt: flageolettweiße Unschuld, posaunenschwarzer Verrat, blaues Wunder, Glaubensglut.“
Derart wunderbar vom Orchester getragen, wissen auch die Sänger zu begeistern. Allen voran Andreas Hörl als edler König Heinrich, der seinen voluminösen Bass differenziert einsetzt und auch in den hohen Passagen brilliert. Stimmgewaltig Heiko Trinsinger als Telramund, der die Zerrissenheit dieser Figur auch darstellerisch überzeugend vermittelt. Als eiskalte und rachsüchtige Ortrud glänzt Ruth-Maria Nicolay mit ihrem kraftvollen Mezzosopran. Mit strahlendem Sopran verkörpert Anna Gabler eine zerbrechlich-zarte Elsa und in der Rolle des Lohengrin gelingen John Charles Pierce vor allem die heldenhaft-starken Töne.
Nach viereinhalb Stunden verlässt man das Mindener Theater mit dem Gefühl, ein musikalisches Meisterstück erlebt zu haben. Und mit der stillen Hoffnung, dass für den Richard Wagner Verband Minden und seiner unermüdlichen Vorsitzenden Dr. Jutta Hering-Winckler nicht aller guten (Opern-)Dinge drei sind.
